Risiko und Rendite: Warum beides untrennbar zusammengehört

Höhere Erträge sind ohne höheres Risiko nicht zu haben. Wer diesen Zusammenhang ernst nimmt, beurteilt Anlageangebote anders und erkennt unrealistische Versprechen schneller.

Detailliertes Nahaufnahmebild einer vintage analogen Waage mit Zeiger vor einem schwarzen Hintergrund.

In der Werbung für Geldanlagen treten Rendite und Sicherheit häufig gemeinsam auf. Attraktive Erträge bei überschaubarem Risiko, planbare Auszahlungen ohne Schwankung: Formulierungen dieser Art begegnen Anlegerinnen und Anlegern regelmäßig.

Die Finanzwissenschaft kennt einen anderen Befund. Zwischen erwartetem Ertrag und eingegangenem Risiko besteht ein Zusammenhang, der sich nicht auflösen lässt. Wer eine höhere Rendite erwartet, übernimmt dafür eine höhere Unsicherheit über das Ergebnis.

Was Risiko in der Geldanlage bedeutet

Schwankung ist nicht gleich Verlust

In der Fachsprache wird Risiko meist als Schwankungsbreite gemessen. Diese Größe beschreibt, wie stark der Wert einer Anlage um seinen Mittelwert schwankt, und zwar in beide Richtungen.

Für Anlegerinnen und Anleger ist diese Definition unvollständig. Eine Schwankung nach oben wird selten als Risiko empfunden. Bedeutsam ist die Gefahr, zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen.

Der Zeithorizont verändert das Bild

Eine Anlage, die über ein Jahr betrachtet stark schwankt, kann über zwanzig Jahre ein verlässlicheres Ergebnis liefern als eine nominal sichere Anlage, deren Ertrag unterhalb der Preissteigerung liegt.

Deshalb ist die Frage nach dem Risiko ohne Angabe des Zeitraums nicht zu beantworten. Dasselbe Wertpapier ist für eine Rücklage über zwei Jahre ungeeignet und für die Altersvorsorge über dreißig Jahre angemessen.

Das übersehene Risiko der Sicherheit

Wer Schwankung vollständig vermeidet, geht ein anderes Risiko ein: den schleichenden Verlust an Kaufkraft. Eine Verzinsung unterhalb der Inflationsrate führt trotz wachsendem Kontostand zu einem realen Verlust.

Dieses Risiko fällt nicht auf, weil es auf keinem Kontoauszug erscheint. Es wirkt langsam und stetig, und über Jahrzehnte kann es erhebliche Beträge kosten.

Verschiedene Arten von Risiko

Neben der Marktschwankung existieren weitere Größen: das Ausfallrisiko eines Schuldners, das Währungsrisiko bei Anlagen außerhalb des Euroraums, das Liquiditätsrisiko bei schwer handelbaren Anlagen und das Konzentrationsrisiko bei fehlender Streuung.

Nicht alle werden mit einer höheren erwarteten Rendite vergütet. Ein Konzentrationsrisiko etwa lässt sich durch Streuung beseitigen und wird deshalb vom Markt nicht entlohnt.

Wie sich der Zusammenhang äußert

Die Rangfolge der Anlageklassen

Über lange Zeiträume zeigt sich eine erkennbare Ordnung: Tagesgeld schwankt kaum und wirft wenig ab, Anleihen guter Bonität liegen darüber, Aktien breit gestreut nochmals darüber, jeweils mit entsprechend höherer Schwankung.

Diese Ordnung gilt im Durchschnitt über lange Zeiträume, nicht in jedem einzelnen Jahr. Es gibt Jahrzehnte, in denen die Rangfolge nicht eingehalten wurde, und das gehört zur Natur der Sache.

Wo die Regel nicht gilt

Ein höheres Risiko führt nicht automatisch zu einer höheren Rendite. Vergütet wird nur das Risiko, das sich nicht durch Streuung vermeiden lässt. Wer alles auf ein Unternehmen setzt, trägt mehr Risiko, ohne dafür eine höhere Erwartung zu erhalten.

Aus demselben Grund sind stark schwankende Einzelanlagen kein Weg zu höheren Erträgen. Sie erhöhen die Unsicherheit, ohne die Erwartung im gleichen Maß zu verbessern.

Das Warnsignal

Angebote, die überdurchschnittliche Erträge bei geringem Risiko in Aussicht stellen, widersprechen diesem Zusammenhang. In aller Regel ist das Risiko vorhanden, aber verlagert oder nicht sichtbar dargestellt.

Häufige Varianten sind eine unklare Ertragsquelle, eine fehlende Regulierung des Anbieters oder eine Konstruktion, bei der frühere Anleger aus den Einzahlungen späterer bedient werden.

  • erwarteter Ertrag steigt nur mit nicht vermeidbarem Risiko
  • Zeithorizont verändert die Beurteilung vollständig
  • nominale Sicherheit birgt Kaufkraftrisiko
  • hohe Rendite bei geringem Risiko ist ein Warnsignal

Die eigene Risikotragfähigkeit

Objektive und subjektive Seite

Zu unterscheiden ist zwischen der Fähigkeit, Schwankungen zu tragen, und der Bereitschaft dazu. Die erste ergibt sich aus Einkommen, Rücklagen und Zeithorizont, die zweite aus der persönlichen Einstellung.

Maßgeblich ist die jeweils kleinere der beiden Größen. Wer die Schwankung wirtschaftlich verkraften könnte, sie aber nicht aushält, verkauft im ungünstigen Moment und realisiert damit den Verlust.

Die Selbsteinschätzung prüfen

Fragebögen zur Risikoneigung liefern nur begrenzte Aussagen, weil sie in ruhigen Marktphasen ausgefüllt werden. Aussagekräftiger ist die Frage nach dem eigenen Verhalten in einer zurückliegenden Korrektur.

Wer noch keine erlebt hat, sollte vorsichtig ansetzen. Eine zu niedrig gewählte Aktienquote lässt sich später erhöhen, ein Verkauf im Tiefpunkt dagegen nicht rückgängig machen.

Die Aufteilung als Steuergröße

Wirksamer als die Auswahl einzelner Produkte ist die Aufteilung zwischen schwankungsarmen und schwankungsstarken Anlagen. Sie bestimmt den Verlauf des Gesamtvermögens weit stärker als jede Einzelentscheidung.

Eine einfache Faustregel besteht darin, den Anteil so zu wählen, dass ein Rückgang der schwankungsstarken Anlagen um die Hälfte noch tragbar wäre. Diese Rechnung ist unangenehm und deshalb hilfreich.

Praktische Folgerungen

Erst der Puffer, dann die Anlage

Eine ausreichende Reserve auf einem verfügbaren Konto ist die Voraussetzung dafür, Schwankungen aussitzen zu können. Ohne sie erzwingt der erste Zwischenfall einen Verkauf.

Diese Reihenfolge ist die wirksamste einzelne Maßnahme zur Risikosteuerung und kostet nichts außer der Zeit, die für den Aufbau der Reserve benötigt wird.

Ziele nach Zeitraum trennen

Geld für eine Anschaffung im nächsten Jahr gehört in eine andere Anlageform als die Altersvorsorge. Wer beides vermischt, trifft für den einen Teil zwangsläufig eine falsche Entscheidung.

Die Trennung lässt sich über getrennte Konten oder Depots abbilden. Sie verhindert, dass ein kurzfristiger Bedarf den langfristigen Bestand angreift.

Erwartungen nüchtern halten

Vergangene Renditen sind keine Zusage für die Zukunft. Sie liefern eine Größenordnung, mehr nicht, und Zeiträume mit unterdurchschnittlichem Verlauf gehören zur normalen Entwicklung.

Wer mit dieser Erwartung anlegt, ist auf schwache Phasen vorbereitet. Genau diese Vorbereitung entscheidet darüber, ob ein Plan über Jahrzehnte durchgehalten wird.

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Mark